Charlie Mariano © 2004 by Gerd Löser

Charlie Mariano Tribute • Interview


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"Musik ist Musik"

English version

Mit seinen 83 Jahren ist Charlie Mariano noch so viel unterwegs, dass man genau hinsehen muss, um eine Lücke im Tourplan zu finden. Berthold Klostermann hatte Glück und traf den Altsaxophonisten in dessen Kölner Wohnung. Angesichts der Vita Marianos und dreier aktueller Alben herrschte an Gesprächsstoff kein Mangel.

Berthold Klostermann   Wenn auf einem Album Ihr Name steht, erwartet man nicht gerade ein Quartett mit Altsaxophon und Rhythmusgruppe oder ein Programm mit einer Reihe von Standards. Genau das aber ist "Silver Blue".

Charlie Mariano   Ich spiele nicht oft Standards, aber eigentlich komme ich genau daher. Das habe ich gemacht, als ich jung war, und tue es immer noch gern, wenn gute Musiker dabei sind. Auf "Silver Blue" sind ausgezeichnete Musiker dabei. Der Schweizer Heiri Känzig ist einer der besten Bassisten weit und breit. Er hat einen schönen Ton, spielt flüssig und melodisch — das gefällt mir. Der französische Pianist Jean-Christophe Cholet spielt auch großartig, außerdem schreibt er interessante Stücke; eines ist auf dem Album zu hören. Der Drummer Marcel Papaux gehört zu den besten in der Schweiz. Alle drei arbeiten in verschiedenen Gruppen, aber spielen auch regelmäßig als Trio zusammen.

BK   Das erinnert an die Zeit, als amerikanische Solisten auf Tour sich von europäischen Rhythmusgruppen begleiten ließen. Wie lernten Sie das Trio kennen?

CM   Durch Heiri. Ich kannte ihn von einem Auftritt in Bergamo, dann spielte ich auf seinem Album "Grace of Gravity" (Plainisphare). Vor einiger Zeit fragte er, ob ich ein paar Gigs mit dem Trio spielen könnte. Wir fanden Gefallen aneinander, und jetzt versuchen wir, sooft es geht, zusammen zu spielen. Aber letztes Jahr war ich fünf Monate lang krank.

BK   Jetzt geht's Ihnen hoffentlich gut.

CM   [Lacht.] Jetzt geht's mir gut. Aber es war hart — Operation, Strahlentherapie. Jetzt bin ich wieder da! Ich will einfach nicht gehen [Lacht erneut.].

BK   Für das Album haben Sie auch eigene Stücke mitgebracht.

CM   Wir nahmen Material für zwei Alben auf: Das eine sollte Originals enthalten, das andere Standards. Beim Label Enja wurde "Silver Blue" dann anders zusammengestellt als geplant.Ob je ein zweites Album folgt, muss man sehen.

BK   Jetzt ist ein Balladen-Album daraus geworden. War das restliche Material anders?

CM   Nein, lauter romantische Musik. Das Album ist durchaus repräsentativ für die Aufnahmen, die wir gemacht haben.

BK   Musik in der amerikanischen Jazz-Tradition, sehr europäisch gespielt?

CM   Natürlich. Ich lebe seit langem in Europa, die Musiker sind Europäer. Aber wissen Sie,welche Bedeutung das für mich hat? Gar keine! Für manche hat es große Bedeutung, und sie machen aus dem Gedanken einer europäischen Musik eine große Sache. Ich konnte das nie verstehen. Musik ist universell. Für mich erst recht, da ich mit Musikern aus aller Herren Länder spiele. Klar, es ist nicht egal, in welcher Kultur man aufwächst, aber wer kann im Zeitalter der Medien und des Reisens noch Grenzen ziehen? Ich arbeite mit klassischen indischen Musikern, aber auch mit indischen Jazz-Musikern, die so spielen wie Amerikaner. Ich höre da keinen Unterschied. Musik ist Musik.

BK   Als Sie anfingen, war das noch anders.

CM   Das stimmt. Als ich anfing, gab's keinen Bebop. Ich begann mit Swing und Bigband-Musik. Als dann Charlie Parker, Dizzy Gillespie und die Bebopper auftauchten, stürzte ich mich auf deren Musik. In meinem Spiel ist dieser Einfluss bis heute zu hören, aber für mich ist er nicht von Bedeutung.

BK   Wann fingen Sie an?

CM   1941. Charlie Parker und Dizzy Gillespie spielten schon, aber von Bebop war noch keine Rede. Auf Platten hörte ich sie 1945 zum ersten Mal, live 1946. Wir jungen Musiker staunten darüber, was die machten.Wir brauchten ein bisschen, uns einzuhören, aber wir standen sofort darauf. Ich selbst versuchte, so zu spielen wie Parker.

BK   Sie spielten auch mit Parker?

CM   Ja, 1953. Ich war Mitglied im Stan Kenton Orchestra, und es gab eine mehrmonatige Package-Tour durch die USA. Parker und Gillespie waren als Solisten dabei, außerdem Lee Konitz, den ich als Bandmitglied abgelöst hatte und der jetzt als Solist zurückkam, June Christie, der Congaspieler Candido und das Erroll Garner Trio. Ein kompletter Abend mit dem Orchester also, die Solisten wechselten einander ab. Parker und Gillespie spielten nicht einmal zusammen, sie traten in unterschiedlichen Teilen des Abends auf. Während der Tour konnten wir mit ihnen abhängen, jammen — das war klasse. Persönlich waren sie wundervoll, sehr menschlich und warmherzig. Ich mochte sie beide. Sicher, Parker hatte Probleme mit Drogen, aber zu der Zeit versuchte er, clean zu bleiben, und war einfach ein guter Typ.

BK   Sie sagen, Sie versuchten damals, zu spielen wie Parker. Unlängst erschien "Der Verfolger" von dem argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar als Hörbuch. Da spielen Sie, zusammen mit Dieter Ilg, Parkers Musik, aber Sie klingen nicht nach Parker, sondern ganz klar nach Mariano. Sie haben sich nicht den Sound, sondern die Musik zu eigen gemacht. Sie spielen kammermusikalischen Jazz, ähnlich wie Sie sonst mit Ilg Originals spielen.

CM   Oh, danke. Dieter ist ein hervorragender Bassist, aber nicht mit dem Bebop groß geworden, also nähert er sich der Musik auf seine Weise. Ich selbst habe mich von Parker aus weiterentwickelt — was blieb mir auch übrig? Irgendwann sagte ich mir, du wirst nie wie Parker klingen, schließlich bist du nicht Parker. Das war eine ganz natürliche Entwicklung hin zu mir selbst. Immerhin war ich in einer italienischen Familie aufgewachsen, mit europäischer Musik. Als ich nach Europa zog, brauchte ich mich nie als Fremder zu fühlen, denn ich war als Europäer groß geworden. Meine Eltern und meine Schwester waren in Europa geboren, ich nicht, aber ich konnte mich hier zu Hause fühlen. Ich hätte auch klassischer Musiker werden können, aber ich fühlte mich zum Jazz hingezogen. In meiner Jugend war das die Musik der Zeit.

BK   Heute ist der Name Charlie Mariano eher mit weltmusikalischem Jazz verbunden, nicht zuletzt wegen Ihrer Beschäftigung mit südindischer Musik und der Zusammenarbeit mit dem Karnataka College of Percussion.Auch davon gibt es ein neues Album.

CM   Ja, seit 25 Jahren spielen wir jetzt zusammen. Wir haben viele Tourneen bestritten, und wenn ich in Indien bin, besuche ich sie in Madras. R.A. Ramamani und T.A.S. Mani unterhalten dort eine Schule für klassische südindische Musik und geben weltweit Konzerte. Ramesh Shotham, der heute in Köln lebt, war ein Schüler von ihnen. Zusammen mit dem Keyboarder Mike Herting sind wir jetzt fünf, deshalb heißt die Gruppe auf dem Album KCP 5.

BK   Zwei Stücke darauf sind von Ihnen, und eines davon ist ein Blues — ein südindischer Blues.

CM   [Lacht.] Witzig, oder? Das war Mikes Idee — für Ramamani ein harter Brocken, denn der Blues passt nicht unbedingt zu einer indischen Tonskala. Aber okay, sie kommt damit zurecht und singt es sehr schön.

BK   Sie haben ja auch gelernt, mit der viel komplizierteren südindischen Musik zurechtzukommen.

CM   Ich studiere sie seit — ich weiß nicht wann, aber ich komme mir vor wie ein Anfänger. Man kann nun mal nicht alles von allem lernen.

Reprinted with permission.
Copyright ©2007 by FONO FORUM and Berthold Klostermann.


"Music Is Music"

At age 83 Charlie Mariano still tours a lot making it difficult to find some free time in his tour schedule. Berthold Klostermann has been lucky enough to meet the alto saxophonist at his home in Cologne. Given Mariano's c.v. and three recent albums there was no shortage of topics of conversation.

Berthold Klostermann   Noticing your name on an album cover, one doesn't expect a quartet of alto saxophone and rhythm section or a program of standards. But that's exactly what "Silver Blue" is.

Charlie Mariano   I don't play standards very often, but actually that's what I come from. That's what I did when I was young, and I still enjoy doing it, given there are some good musicians with me. On "Silver Blue" the musicians are excellent. Heiri Känzig from Switzerland is one of the best bassists far and wide. He has a beautiful sound, plays fluently, and melodically — that's what I like. French pianist Jean-Christophe Cholet plays excellent, too, and in addition he writes some interesting songs; one of his songs can be heard on the album. Drummer Marcel Papaux is one of the best in Switzerland. All of them work with different groups, but they also perform as a trio on a regular basis.

BK   That reminds me of the time when American soloists chose European rhythm sections to accompany them on tour. How did you meet the Trio?

CM   By Heiri. I met him at a performance in Bergamo. Then I played on his album "Grace of Gravity" (Plainisphare). Some time ago he asked if I could play some gigs with the Trio. We liked each other, and now we try to play together as often as possible. But I'd been critically ill for five months during the last year.

BK   I hope you're doing well now.

CM   [laughs] I'm fine now. But it's been hard — operation, radiotherapy. Now I'm back again! I'm not ready to leave [laughs again].

BK   You also contributed some songs to the new album.

CM   We recorded stuff for two albums: one should've been an originals album, the other one a standards album. But the people at Enja put another mix of titles on "Silver Blue" than originally planned. Time will tell if there'll ever be a second album.

BK   Now it's become a ballad album. Has the rest of the recording session been different?

CM   No, it's all romantic music. The album is absolutely representative for the songs we recorded.

BK   Music in the American jazz tradition, recorded very European?

CM   Of course. I live in Europa for a long time now, the musicians are Europeans. But do you know what it means to me? Nothing! For some people it means a lot, and they make a big deal of the idea of European music. I've never been able to comprehend this. Music is universal. A fortiori for me, playing with musicians from all around the world. Of course the culture of your native land makes a difference, but who is able to set boundaries in the era of media and traveling? I work with classical musicians from India, but I also work with jazz musicians from India, playing like Americans. I don't hear any difference. Music is music.

BK   That's been different when you began.

CM   That's true. When I began, there was no bebop. I began with swing and big band music. When Charlie Parker, Dizzy Gillespie and the beboppers emerged, I launched into their music. One can hear this influence in my playing to this very day, but it doesn't mean anything for me.

BK   When did you begin?

CM   1941. Charlie Parker and Dizzy Gillespie were already playing, but nobody talked about bebop. I listened to them for the first time on records in 1945, live 1946. The young musicians were amazed about the stuff they played. It took us some time to get familiar with it, but we immediately digged it. I even tried to play like Parker.

BK   You also played with Parker?

CM   Yes, in 1953. I'd been a member of the Stan Kenton Orchestra, and there was a package tour across the USA for several months. Parker and Gillespie sat in as soloists, in addition there was Lee Konitz, whom I'd replaced as a band member, coming back as a soloist, June Christie, conga player Candido, and the Erroll Garner Trio. A complete evening with the orchestra and alternating soloists. Parker and Gillespie didn't even play together, they performed in different parts of the program. During the tour we could hang out with them, jam — that was great. They were wonderful individually, very human and warm hearted. I liked both of them. Of course, Parker had problems with regard to drugs, but at this time he tried to be clean, and he simply was some nice guy.

BK   You said you tried to play like Parker at those times. "Der Verfolger" written by Julio Cortázar from Argentina has been released as an audio book just recently. You play Parker's music with Dieter Ilg, but you don't sound like Parker, but very clearly like Mariano. You didn't acculturate the sound but the music. You're playing chamber music jazz, similar to the way you play originals with Ilg.

CM   Oh, thank you. Dieter is an excellent bassist, but he hasn't grown up with bebop, hence he's got his own way to approach music. I advanced from Parker — what else should I've done? Sometime I said to myself, you'll never sound like Parker, finally you're not Parker. That's been a very natural development to myself. After all I'd grown up with an Italian family, with European music. When I moved to Europe, I never felt as a stranger, because I'd grown up as a European. My parents and my sister had been born in Europe, I'd not, but I was able to feel at home in Europe. I also could've become a classical musician, but I was attracted by jazz music. In my younger days jazz was the music of our time.

BK   Nowadays the name Charlie Mariano is rather associated with world music, not least due to your preoccupation with South Indian music, and your co-operation with the Karnataka College of Percussion. This is also documented on a new album.

CM   Yes indeed, we're playing together for 25 years now. We did a lot of tours, and at my journeys to India I visit them in Madras. R.A. Ramamani and T.A.S. Mani are running a school for classical South Indian music, and they play concerts world wide. Ramesh Shotham, who lives in Cologne now, had been one of their students. With keyboard player Mike Herting we're five now, hence the group's name on the new album is KCP 5.

BK   You composed two songs for this album; one of them ist a blues — a South Indian blues.

CM   [laughs] Funny, isn't it? That's been Mike's idea — that's been hard for Ramamani, because the blues doesn't fit to an Indian scale. But anyway, she copes with it, and she sings it beautifully.

BK   Finally you also managed to cope with that complicated Indian music.

CM   I study this music since — I don't remember when, but I always feel like a beginner. You can't learn all of anything.

Translated by hepcat1950. Reprinted with permission.
Copyright ©2007 by FONO FORUM and Berthold Klostermann.


© hepcat1950 TOP last update: January 6, 2008